Ficken, beten, nicht beklagen

Ficken, beten, nicht beklagen

Juni ist's. Sollten mir jetzt nicht jede Menge Käfer um die Ohren fliegen? Junikäfer? Aber der Maikäfer flog ja auch nicht. Könnt an der Stadt liegen, in der ich wohn seit ich groß bin, oder daran, dass früher auch nicht alles besser war, wie die Nostalgikerformel ganz falsch vermeint. Weil Käfer dieser Art vermiss ich nicht / War auf die nie so recht erpicht.1 Alles mit mehr als zwei Armen, zwei Beinen übersteigt mein intellektuelles Fassungsvermögen. (Alles ohne alles – Arme, Beine –, sowieso.) Halten wir fest: Käfer und Schlangen sind meine Tiere nicht. Dafür hab ich ein ganz exorbitantes Talent für was beißt und Pelz trägt, am Liebsten lebendig2. Hunde for example. Und Katzen by the way. Bei den meinen3 wird gerade geschnuppert, eine an der andern und von hinten. Warum, das weiß ich nicht. Geht mich auch nichts an.

Was mich außerdem nichts angeht, gar nichts, ist das eine Literaturstipendium, für das ich mich beworben habe dieses Jahr. Weil ich's nicht gekriegt hab nämlich. In das andere lege ich noch das, was man Hoffnung nennt, und ich hoffe ja, dass nicht das eintritt, was Kettcar sich mit dem Verwandtschaftsverhältnis „die große, böse Schwester der Hoffnung, ihr Name Enttäuschung“ erklärt. Weil wenn mich die Literatur dieses Jahr ein zweites Mal enttäuscht, muss ich der Literatur wohl in ihr blödes Gesicht schlagen. So richtig von vorn und mit geballter Faust, um ihr das Nasenbein zu brechen und mir eine Lanze. Für die Gerechtigkeit. Weil dass ich, also die mit dem ganz exorbitanten Geldbetrag auf der tragischen Seite des Kommas, das Stipendium kriegen sollte und nicht die, also jene mit der Prinzessinnensumme auf der Butterseite, seht ihr doch ein, oder? [Hebt die Hand, ballt sie zur Faust.]4

Dabei kann ich mich eh nicht beklagen. Ich habe, seitdem ich Österreichs Jugend war, einen Job, der mich (meist satt geworden) durchs Leben bringt. Ich habe ein Leben, das ich (laut Gesellschafts- äh -ordnung) als Küchenmagd im Herrenhaus hätte zubringen müssen, wo ich (ganz Unterschicht5) zu Diensten gestanden wäre, jeglicher Art und jederzeit. Ich habe Dienstzeiten, die mir erlauben einen Tag die Woche auf Studentin zu machen, auf Bourgeoisie und Literatur. Wo wir wieder bei der Literatur wären, dieser Verräterin, und bei Spaniens Jugend, über die die letzten Wochen geredet wurde, was besser ist als beten. Denn im Zweifelsfall6 hilft beten nichts und demonstrieren etwas. Demonstrieren für eine andere Ordnung zum Beispiel (weil eure Ordnung ist nicht unsere Ordnung).

„Wir sind lauter Geflickte“, zitiert Arno Geiger den alten König in seinem Exil7, und auf einen Buchstaben scheißend sieht der Satz immer noch ziemlich gut aus eigentlich, und richtig. Aber Houston, wir haben ein Problem! Denn auch der gekürzte Satz stimmt nicht, nicht wirklich. Weil alle sind wir's nicht, also äh gefickt jetzt. Gefickt sind viele, aber ein paar wenige leben eh wie Gott in Frankreich. Aber auch in Frankreich wüten die Gefickten, wenn die Götter ihnen zu sehr auf die Zehen steigen, weil sie auf zu großem Fuß leben zum Beispiel und man selbst keine Möglichkeit hat zum Rühren. „Doch die Käfer, kratze kratze! / Kommen schnell aus der Matratze“8 Das sagt uns die jüngste Zeitgeschichte, und das ist gut so. Weil wird man in die Ecke gedrängt / Muss man zusehen, wie man kriegt die Ecke gesprengt. Und unter uns: Ich bin ja gegen das Ficken9, und gegen das Geficktwerden10 schon recht. Was ich vielleicht sexualfeindlich meine, vielleicht aber auch nicht,

in diesem Sinne: heißen Sommer, eure Nadine

 

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1. „In den Bäumen hin und her / Fliegt und kriecht und krabbelt er“. Wilhelm Busch: Max und Moritz, 5 Streich

2. Die Venus im Pelz ist meine Sache nicht / Ich mag's, wenn das Ursprungstier selbst noch im Pelze kriecht. 

3. Nennen wir sie Oskar Oskarowitsch und Ali Herr Alinger Spatzmann.

4. Die Zahnheilkunde würde es Prophylaxe nennen.

5. Vgl tier. man wird doch bitte Unterschicht [sagen dürfen] von Ewald Palmetshofer.

6. „Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige.“ Karl Kraus.

7. August Geiger.

8. Immer noch der fünfte Streich / Doch der sechste folgt sogleich.

9. „in diesen tagen ist ja jedes untier vorstellbar geworden“, Kathrin Röggla: abrauschen.

10. Du Opfer!